Warum stehen Sie im Winter auf dem Bahnsteig und
frieren?
während der Zug immer später kommt ...
oder .. Warum zählt die Verspätungsanzeige der Bahn immer
hoch?
Und warum weiss die Bahn das nicht vorher?
Es gibt viele Mysterien des Alltags: Eines ist zum
Beispiel, warum die Bahn anscheinend nicht weiss, dass ein
Zug 30 Minuten zu spät kommen wird, sondern mal mit einer
Verspätungsmeldung von 5 Minuten anfängt und das zählt dann
immer weiter hoch. Wenn man Sie richtig informieren würde,
könnten Sie schnell noch einen Kaffee holen und sich ins
Warme stellen. So holen Sie sich eine Erkältung, werden 3
Tage später krank geschrieben und verlieren tausende Euros
an Arbeitsausfall. Sie fragen sich dann: Warum ist das so?
Dieses Verhalten gehört quasi zu den Mysterien des Alltags,
die Bahnkunden einfach nicht verstehen können (und auch
nicht wollen) - speziell nicht im Winter, wenn man sich auf
dem Bahnsteig die Rückseite abfriert.
Was Sie beobachten können
Sie stehen zum Beispiel in Siegburg Bonn auf dem Bahnsteig
und warten auf Ihren Zug nach München. Sie sehen eine
Verspätungsanzeige von 5 Minuten. Sie denken sich - na
super, wird es halt 18:16h statt 18:11h - macht auch
nichts. Um 18:16 werden aus den 5 Minuten dann 10 Minuten -
um 18:21 aus den 10 Minuten dann 20 und um 18:31h zeigt er
dann 30 Minuten Verspätung an - um 18:50h kommt der Zug mit
39 Minuten Verspätung und sie fragen sich - ist die Bahn
eigentlich völlig durchgedreht? Wie kann das sein? Warum
lassen die mich hier 40 Minuten in der Kälte stehen, wenn
sie es auch besser wissen müssten?
Wie man zur Lösung kommt
Zunächst einmal kann man beobachten, dass die
Verspätungsanzeigen relativ synchron mit denen auf der
Webseite mobile.bahn.de sind. Wenn man sich die ansieht,
dann sieht man, dass die Verspätung immer die ist, mit der
der Zug aus der letzte Station rausgefahren ist - diese
Verspätung wird zum Beispiel für die nächsten 3 Stationen
angezeigt (und auch angenommen). Ein Zug hat Ulm in
Richtung Stuttgart mit einer Verspätung von 9 Minuten
verlassen - nach Bahnlogik sind das abgerundet +5 Minuten.
Egal ob zum Beispiel zwischen Ulm und Stuttgart noch eine
Baustelle ist - von der weiss der Algorithmus nichts.
Nehmen wir an, die Bahn weiss, dass die bekannte Baustelle
eine Zusatzverspätung von 10 Minuten ergibt. Davon weiss
der Algorithmus aber nichts und zeigt +5 statt eigentlich
bekannter +19 Minuten. 14 Minuten werden Sie in Stuttgart
auf dem Bahnsteig stehen, frieren, sich ärgern und
innerlich die Bahn verfluchen.
Merke also: Initiale Verspätungsprognose für die Ankunft im
nächsten Bahnhof ist gleich Ist-Verspätung beim Verlassen
des letzten Bahnhofes (abgerundet auf standardisierte
Stufen 5, 10, 20, 30, ...).
Dabei wird normale Fahrzeit unterstellt. Fragt sich: Woraus
kann man das schließen. Wie gesagt: Baustellen werden zum
Beispiel nicht eingerechnet. Oder zum Beispiel auch
reduzierte Fahrgeschwindigkeit ebenfalls nicht.
Das konnte man sehr schön aus der derzeitigen
Geschwindigkeitsreduzierung auf der Schneltstrecke
Frankfurt Flughafen -> Siegburg Bonn ableiten.
Verspätung bei Verlassen Frankfurt waren +20 min. Diese
Verspätungsanzeige wurde auch dann noch angezeigt, als der
Zug knapp 100 KM vor Siegburg war (festzustellen mit dem
iPhone GPS). Das war genau zum Zeitpunkt der geplanten
Ankunft zum Beispiel um 22:52h -- nur leider war klar, dass
der Zug bei derzeit erlaubten max. 200 km/h für die
restlichen 100 Kilometer noch ca. 30 Minuten brauchen
würde. Würde der Rechner also die maximal erlaubte
Geschwindigkeit zur Echtzeit kennen, würde er 30 Minuten
Verspätung prognostiziert haben. Hat er aber nicht. Sondern
er hat um 23:12h auf die nächste Verspätungsstufe 30
Minuten (statt 20) hochgezählt, nachdem der Zug in Siegburg
noch nicht eingetroffen war.
Zusammenfassung - Was weiß dieser Algorithmus also
über Streckenverhältnisse zum Prognosezeitpunkt
Die Antwort ist leider so ernüchternd wie brutal:
Offensichtlich gar nichts!
Sprich der Rechner weiss für seine Prognosen
weder etwas über bekannte Baustellen, noch über
Geschwindigkeitseinschränkungen noch über sonstige planbare
Verspätungen noch über die GPS Position des Zuges.
Jedes blöde Auto-Navi für 150 Euro kann das erheblich
besser.
Die obigen Beobachtungen erklären auch das Hochzählen. Der
Zug verlässt mit zum Beispiel 9 Minuten Verspätung Köln Hbf
Richtung Siegburg. Man kann beobachten, dass dies
grundsätzlich immer auf die nächste Stufe abgerundet wird:
9 Minuten werden auf 5 abgerundet. 4 Minuten 30 Sekunden
sind definiert pünktlich = 0 Minuten Verspätung. Wenn der
Zug dann zum prognostizierten Zeitpunkt den nächsten
Bahnhof nicht erreicht hat, wird auf die nächste
Verspätungsstufe hochgezählt. Also 10 Minuten. Das können
aber auch 19 sein - denn es werden die standardisierten
Stufen verwendet.
Warum stehen Sie also auf dem Bahnsteig und
frieren?
Wenn der Zug also irgendwo zwischen Köln und Siegburg an
einer Baustelle noch 15 Minuten aufgehalten wird, stehen
Sie auf dem Bahnsteg und frieren, obwohl es die Bahn es
eigentlich besser weiss.
Rätsel des Alltags gelöst!
Der Algorithmus hat für die Bahn evidente Vorteile: Er ist
sehr sehr einfach, beruht nur auf statischen Informationen
und dem Zeitpunkt wann ein Zug einen Bahnhof verlässt und
kostet die Bahn daher minimale Rechenleistung. Die
Beobachtungen legen die Vermutung nahe, dass Ihre Erkältung
dem Unternehmen ziemlich egal sein dürfte. Hauptsache
billig für die Bahn-IT!
Disclaimer
Der hier geschilderte Algorithmus beruht auf Beobachtungen
eines Vielfahrers - wenn ein Bahnmitarbeiter mehr weiss,
können Sie gerne eine bessere Erklärung zur Verfügung
stellen - ich werde sie dann hier posten. Ich vermute
allerdings, dass meine Beobachtungen relativ akkurat sein
dürften! Diese Seite ist eine persönliche Meinungsäußerung
des Autors (Wolfgang Keller) und steht in keinem
Zusammenhang mit seiner Firma.